Bettwanzen: So kann man den Schädling bekämpfen - WELT

2022-03-19 07:47:08 By : Ms. Wanda Chen

A m Morgen fand Lisa Kühn* acht rote Stiche auf der Brust. Sie wunderte sich, eine Mücke konnte das mitten im Winter nicht gewesen sein. Sie suchte die Wohnung nach anderen Insekten ab, alle Ecken, Decke, Boden. Nichts. Schließlich sah sie unter das Sofa, auf dem vor ein paar Wochen eine Freundin geschlafen hatte. Dort krabbelten drei rotbraune, apfelkernförmige Tiere: Bettwanzen. Sie zerquetschte die Insekten.

Eine Woche später entdeckte Kühn Stiche auf ihrem rechten Arm. Dreimal suchte sie ihre Kölner Wohnung ab, packte alle Möbel in Plastik, reinigte jeden Winkel. Fünf weitere Tiere fand sie, morgens wachte sie mit Stichen auf. Tagsüber löste allein der Gedanke an die Bettwanzen Kribbeln und Jucken aus. Ein lang geplanter Umzug brachte Erlösung.

Wer einmal Bettwanzen in der Wohnung hat, der wird sie so schnell nicht mehr los. Die kleinen, widerstandsfähigen Tiere, die Mitte des 20. Jahrhunderts als fast ausgerottet galten, breiten sich weltweit wieder aus. Auch in deutsche Schlafzimmer sind sie zurückgekehrt.

Meist wird vermutet, dass das vor allem an der steigenden Zahl der Urlaubs- und Geschäftsreisen liegt. Allein in Berlin und Brandenburg stieg die Zahl der Bettwanzenfälle seit 2007 um mehr als das Sechsfache. Etwa 1360 Aufträge gingen 2015 beim Landesverband Berlin des Deutschen Schädlingsbekämpfer-Verbandes ein, und Experten vermuten, dass es in vielen deutschen Großstädten ähnlich aussieht. Genau wissen sie es nicht. Es gibt keine Meldepflicht für einen Bettwanzenbefall – und aus Scham und Unsicherheit geben einige lieber viel Geld für die falsche Bekämpfung aus, als einen Schädlingsexperten zu rufen.

Man übersieht sie leicht, die nur fünf Millimeter großen Tiere. Bettwanzen verstecken sich tagsüber hinter Steckdosen, Fußleisten oder Gardinenstangen. Sie sitzen an der Rückwand von Nachtschränken, an Lattenrosten oder hinter Bilderrahmen. Wenn es Nacht wird, gehen die lichtscheuen Tiere auf Futtersuche. Rezeptoren, die das Kohlendioxid aus dem Atem des Menschen wahrnehmen, weisen ihnen den Weg zur Nahrungsquelle.

Bis zu zehn Minuten saugen sich Bettwanzen mit Blut voll, bis auf das Dreifache ihres Körpergewichts. Dabei bleiben sie unbemerkt, sie betäuben die Haut ihres Opfers mit einem speziellen Stoff in ihrem Speichel. Beim ersten Mal dauert es neun Tage, bis die Haut mit Jucken und Rötung reagiert. Erst ab dem fünften Biss spürt man die Folgen schon am nächsten Morgen. Aber es gibt auch Menschen, die gar nichts merken. Sie wundern sich über die schwarzen Flecken des Kots der Bettwanze oder über Blut auf dem Laken.

Bettwanzen haben nichts mit mangelnder Hygiene zu tun. Man kann sie sich unbemerkt einfangen, wenn man gebrauchte Möbel oder Kleidung kauft. Man kann sie aus einem Hotelbett mitbringen, mit Gästen einladen, wie bei Lisa, deren Freundin die Tiere in die Wohnung gebracht hatte, ohne es selbst zu merken. Bettwanzen überleben auch ohne Nahrung problemlos ein halbes Jahr. Mit etwas Pech kann schon ein einziges Insekt eine Plage auslösen. Wer ein befruchtetes Weibchen im Koffer aus dem Hotel mitbringt, hat nach 14 Tagen den Nachwuchs im Bett. Und dabei bleibt es nicht. Die weibliche Bettwanze legt in ihrem einjährigen Dasein bis zu 300 Eier.

Dass die Menschen mehr reisen und die Tiere aus New York oder Sydney mit nach Deutschland bringen, ist für den Zoologen Klaus Reinhardt allerdings keine befriedigende Erklärung für den enormen Anstieg der Zahl der Tiere in den vergangenen Jahren. Der Reiseverkehr habe nicht erst seit ein paar Jahren zugenommen, sagt der Professor für Angewandte Zoologie der TU Dresden. Reinhardt befasst sich seit vielen Jahren mit Bettwanzen.

Nachdem er Anfang dieses Jahres das Erbgut des Tieres entschlüsselt hat, will er nun herausfinden, wie es sich wieder auf allen Kontinenten ausbreiten konnte. Seine Vermutung: Den Tieren gelang das unter anderem, weil sie relativ schnell gegen die meisten Pestizide Resistenzen entwickeln. Wenn Bettwanzen einen Ausrottungsversuch überleben, sagt er, dann würden sie als Reaktion darauf ihr Erbgut verändern.

Reinhardt interessiert sich aber nicht nur für die Lebensweise der Bettwanzen und ihre Widerstandsfähigkeit, er will auch wissen, wie sie die vielen Bakterien, die man in ihrem Erbgut gefunden hat, so gut wegstecken. Immer wieder fragt man sich, ob Bettwanzen nicht Krankheiten übertragen. Unter Laborbedingungen sei das schon geschehen, sagt der Wissenschaftler. Doch außerhalb eines Versuchs sei das seines Wissens bislang noch nicht passiert.

Auch wenn der Biss einer Bettwanze also nach Stand der Forschung nicht gefährlich ist, versteht er, dass viele Menschen Angst und Ekel empfinden: „Man möchte im Bett nur haben, wen man auch eingeladen hat.“

So konzentriert man sich auch in der Forschung darauf, wie man die Bettwanzen bestmöglich wieder los wird. Gerade haben Forscher um Corraine A. McNeill vom Union College in Nebraska entdeckt, dass Bettwanzen Farben besser wahrnehmen und unterscheiden können als gedacht. Wie die Wissenschaftler im „Journal of Medical Entomology“ berichten, stellten sie für ihren Versuch verschiedenfarbige Verstecke aus Pappe auf.

Die Tiere bevorzugten die Farben Schwarz und Rot – vermutlich, weil sie selbst ähnlich gefärbt sind. Dagegen meiden sie grüne und gelbe Verstecke, weil sie ihnen offenbar zu hell sind: Sie würden dort viel schneller entdeckt werden. Die Wissenschaftler hoffen, dass sie mit dieser Erkenntnis zum Kampf gegen die Blutsauger beitragen können. Man könne zum Beispiel Pheromon- oder Kohlendioxid-Fallen, mit denen man den Bettwanzen-Befall misst, rot färben, so McNeill. Dass es allerdings reicht, sein Bett grün zu beziehen, um die Tiere abzuschrecken, bezweifelt sie.

Da braucht es ganz andere Mittel. Dichlordiphenyltrichlorethan, das nach dem Zweiten Weltkrieg half und massenweise eingesetzt wurde, ist allerdings heute verboten. Das Insektizid wird heute nur noch gegen Krankheitsüberträger gespritzt. Zu denen zählen die Bettwanzen bisher nicht. Und so greift man im Kampf gegen die Tiere häufig zu einer Mischung aus Nerven- und Zellgift.

Pyrethroide wirken sehr schnell auf das Nervensystem der Tiere. Wanzen, die gegen diese Gifte resistent sind, töten Zellgifte aus der Wirkstoffgruppe der Pyrrole, zum Beispiel Chlorfenapyr. Das wirkt allerdings erst zehn Tage, nachdem die Bettwanze es aufgenommen hat.

Die Mischung ist für den Menschen nicht gefährlich, schon nach acht Stunden kann man eine gelüftete Wohnung wieder betreten. Genau genommen muss man das sogar – um sich den Tieren, die das erste Gift überlebt haben, als nächtlicher Lockvogel anzubieten. Nur wenn sie über die Substanz laufen, nehmen sie die Stoffe auf. Nach zwei bis drei Wiederholungen innerhalb einiger Wochen sollten die Bettwanzen verschwunden sein. Wenn ein Mittel nicht hilft, weil die Tiere resistent sind, kann der Schädlingsbekämpfer ein anderes aus der Wirkstoffgruppe probieren.

Mindestens so wichtig wie das richtige Mittel ist, dass es von Profis angewendet wird. Das sagt Bärbel Holl, Vorsitzende des Vereins zur Förderung ökologischer Schädlingsbekämpfung. Bei ihr häufen sich Anrufe von Menschen, die bei einem Bettwanzenbefall in der eigenen Wohnung „völlig durchdrehen“, wie sie erzählt.

Sie ärgert sich über Halbwissen und Panikmache. „Bettwanzenbekämpfung funktioniert nur mit viel Ruhe.“ Sonst kann es einem so ergehen wie dem Mann, der 3500 Euro für zwei erfolglose Schädlingsbehandlungen in zwei winzigen Räumen bezahlte, nur weil er die Tiere sofort loswerden wollte.

Es geht günstiger. Eine Musterlösung gibt es aber nicht. Jede Wohnung müsse individuell bearbeitet werden, sagt Holl. Ein Profi schaut sich an, wie viele Räume befallen sind, ob die Tiere durch Ritzen abwandern können und versucht herauszufinden, wo sie überhaupt herkamen.

Dann legen der Schädlingsbekämpfer und seine Helfer alle Winkel im Zimmer frei. Sie entfernen Fußleisten, rücken Möbel ab, entsorgen Matratzen. Schließlich spritzen sie die Giftmischung mit einer drei Millimeter großen Kanüle in Rillen, Ritzen und verteilen sie auf Flächen.

Wer auf Chemie verzichten möchte, wovon Bärbel Holl eher abrät, kann es mit Hitze versuchen. Spezielle Öfen mit einer Temperatur von etwa 55 Grad, die Tiere und Larven töten, können enorm teuer werden. Sie müssen 36 Stunden bei 400 Volt laufen und überwacht werden. Inklusive Stromrechnung kann das mehrere Tausend Euro kosten und erfolglos enden. Wenn der Raum nicht völlig dicht ist, wandern die aufgeschreckten Tiere durch Ritzen oder Fugen zum Nachbarn.

Je nach Größe der Wohnung kostet eine chemische Behandlung etwa 200 bis 300 Euro. Experten raten auch davon ab, im Internet Sprays, Waschmittel oder Klebefallen zu kaufen. Diese Mittel sind teuer und bringen meistens nichts.

Ob Lisas Kühns Behandlung in Eigenregie eine erfolgreiche Ausnahme war, das wird sie nicht mehr erfahren. Sie zog wenige Monate nach der Bettwanzen-Episode um. Möglicherweise haben ihre Nachmieter nun unruhige Nächte.

Achtung, dieses Video ist nichts für schwache Nerven! Es zeigt den Moment, als ein Arzt ein Indisches Heimchen aus dem Ohr eines Patienten entfernt. Die Grille hatte sich in der Nacht festgesetzt.

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